Erstes ''Gebetstreffen für Roma in Europa'' in einem ungarischen Gefängnis

''Mit seinen Sünden zusammen sollen wir den Menschen lieben.''

Im Kultursaal des größten Landesgefängnisses in Ungarn, Dunaújváros-Pálhalma, hat am Sonntag (10.4.2011) das erste Gebetstreffen für Roma in Europa stattgefunden.

Daran nahmen mehr als 80 Inhaftierte – unter ihnen auch Roma – teil. Das Treffen erfolgte auf Initiative der Presbyterian Church USA, die vor gut drei Wochen den Gebetsaufruf „Ten days of Prayer and Thanksgiving for Roma” auf ihrer Webseite www.pcusa.org publizierte. Das Gebetstreffen in Ungarn organisierte der reformierte Gefängnispfarrer, Dr. Lajos Békefy. Das Treffen war verbunden mit dem Internationalen Roma Tag (08. April) und der Europäischen Roma Plattform in Budapest. Am Gebetsfestival nahm der Staatssekretär für Integrationsangelegenheiten, Zoltán Balog, teil und sprach ein Grusswort.

Staatssekretär Zoltán Balog erklärte gegenüber der Presse, es sei sehr wichtig, den Teufelskreis von schlechter Schulbildung, Arbeitslosigkeit und Armut, der zur Zeit die Situation der Romabevölkerung in Ungarn charakterisiere, zu brechen. Falls dies nicht gelingen werde, müssten immer mehr Menschen von immer weniger Menschen versorgt werden. Der Teufelskreis besteht, so Zoltán Balog, aus einem Ring von geringer Schulung, Arbeitslosigkeit, der Angewiesenheit auf Sozialhilfe, schlechtem Gesundheitszustand und die frühzeitiger Sterblichkeit bei hohen Geburtenraten. „Diesen Teufelskreis müssen wir durchbrechen, dies bildet den Startpunkt unserer Romastrategie”, betonte der Politiker, der gleichzeitig reformierter Pfarrer ist. In Ungarn sind 85 % der Romabevölkerung arbeitslos, deshalb ist es besonders wichtig, von den in den folgenden vier Jahren geplanten 400 000 neuen Arbeitsplätzen ein Viertel für Roma zu sichern. Bei kommunalen Arbeitsplätzen sollten sie einen höheren Anteil bekommen. In Arbeitsplätze zu investieren ist kostengünstiger als Strafvollzugsinstitute oder Sozialhilfe zu finanzieren.

Im Kultursaal des Gefängnisses zu Pálhalma begrüßte Gefängnispfarrer Dr. Lajos Békefy die Anwesenden auf Lovari, der Romasprache, und auf Ungarisch. Er erklärte: „Was wir als christliche Romas und Nicht-Romas hier im Gefängnis überhaupt tun können, ist eine Art Gebetsunterstützung und ein geistliches Hinterland zu EU und ungarischen Roma-Integrationgsprogrammen zu sichern. Denn für wen oder für was man betet, dafür trägt er/sie Verantwortung!”. Jesus sprach einmal: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan” (Mt 7,7). „Wir sind zusammengekommen, um einander in der Suche und im Anklopfen zu unterstützen und wir hoffen, wenn jemand bittet, wird ihm gegeben: mehr Möglichkeit, menschlich zu leben, aber auch brüderliche Worte, mehr gesellschaftliche Achtung, auch Heimat, Haus, und ein Europa, wo weniger Hass wohnt”. Pfarrer Békefy begrüsste die Teilnehmer mit dem Wort aus dem Buch Offenbarung auf Lovari: „Te avel amare Raj Jezush Kristoshi gracija savorazhenenca. Bater. – Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen! Amen” (Off 22,21). Anschließend sang der Chor der Frauenabteilung Mélykút die "Zigeuner-Hymne" auf Lovari und in ungarischer Sprache.

„Möge Gott Ihnen/uns geben, dass die Gebete wirklich erhört werden”, sagte Péter Balázs, Oberst des Gefängnisses in seinem Grusswort. Er erinnerte an Dostojewskis Satz: „Mit seinen Sünden zusammen sollen wir den Menschen lieben”. Dies wolle das Gebetstreffen illustrieren.

Staatssekretär Zoltán Balog betonte zu Beginn des Treffens: „Auf dem Weg hierher überlegte ich, was es bedeuten kann, auf der einen oder anderen Seite der Gefängnismauern zu sein. Ich komme, um Ihnen mitzuteilen: Die Regierung arbeitet auch für Sie. Sie will Ihnen mehr Arbeitsplätze und Bildungsmöglichkeiten schaffen”. Der ganze Nachmittag wolle diese Botschaft betonen. Balog versprach, über diese schöne Initiative und das Treffen die Regierung baldmöglichst zu informieren.

"Betet ohne Unterlass!" zitierte Frau P. Tóthné Zita Szakács, reformierte Pfarrerin und Leiterin des Synodalbüros für Mission, aud dem ersten Brief des Paulus an die Thessalonicher (1Thess 5,17). Sie sprach über die grosse Möglichkeit und Chance des Gebets. „Oft erfahren wir, dass die Dinge nicht richtig gehen, und denken nicht daran, warum. Weil zu wenig oder überhaupt nicht für Dinge, Menschen, Sachen gebetet wird”. Sie fügte dazu: „Es ist nicht genug, nur füreinander zu beten, wir sollen auch miteinander in Gemeinschaft, ohne Unterlass beten!”.

In vier kirchlichen Begrüßungsformen (römisch-katholisch, reformiert, evangelisch-lutherisch und jüdisch) wandte sich Generalmajor András Csóti den Anwesenden zu und betonte: „Von hier, von Pálhalma aus, hat schon eine landesweite Initiative gestartet: die Initiative zum Weltgebetstag der Frauen im Gefängnis. Jetzt erleben wir die zweite: die Initiative des Gebetstages für Roma in Europa. Hoffentlich wird diese auch landesweit aufgenommen”.

Gefängnispfarrer Békefy zeigte eine Präsentation über die Situation der Roma in 10 EU-Staaten, wo ihre Zahl  über 7 Millionen beträgt. Dies bedeute eine enorme Herausforderung für die gesamte EU-Staatengemeinschaft. Bibelworte und Gebete, die in den erwähnten Ländern einheimische Roma formulierten, wurden von sechs Inhaftierten auf Lovari und Ungarisch vorgelesen. Zwischen den einzelnen Länderdarstellungen sangen die Anwesenden das Taizé-Lied als Refrain: „O, höre mich Gott, o, höre mein Gebet”. Das schöne Singen der Fels-Ensemble half die Gebete zu Gott bringen. Oft konnte man hier und da Tränen in Augen der Gefangenen aufblitzen sehen – ob aus Dankbarkeit oder Erschütterung, das ist allein Gottes Geheimnis. Man hörte ein Lied, von einem Inhaftierten komponiert und ein Gebet für die Regierung, das von einem Inhaftierten geschrieben wurde. Es war ein besonderer Moment, als der Roma-Vajda aus Békés, Csaba Farkas, zu den Romas auf ihrer eigenen Sprache sprach. „Ohne Gott geht nichts. Ich bitte euch, den Glauben auch hier im Gefängnis zu behalten, denn der Glaube bindet uns an Gott. Dieser Glaube existiert in jedem/jeder Roma”. Auch Dr. h. c. Dániel Szabó, Präsident des Presbyterverbands in Ungarn, Theologieprofessor von Sárospatak/Nord-Ost-Ungarn, seit Jahrzehnten engagierter Co-worker der Zigeunermission, war sehr dankbar für das Gebetstreffen. Er stellte fest: die Roma-Frage ist eine Menschlichkeitsfrage, und jede Menschlichkeitsfrage führt uns zur Gottesfrage. „Ich glaube, dass wir gemeinsam in Europa und besonders im Karpaten-Becken eine Änderung brauchen. Gott wird sie uns anbieten, wenn wir sie erbitten”.

Vertreten waren am ersten Gefängnisgebetsteffen für Roma in Europa verschiedene kirchliche Organisationen, z.B. die PFI, die Römisch-Katholische Gefängnisseelsorge, die Kirche der Liebe Christi. Ein weiteres schönes Moment war, als die Frauen des Kodály-Chors zum Abschied den Staatssekretär umgaben und mit ihm zusammen sangen: Dein Feuer, mein Herr Jesus, entflamme in meinem Herzen… Zum Schluss sprachen acht Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter den Segen. Nach diesem ertsen Gefängnisgebetsteffen für Roma in Europa wächst die Hoffnung, dass das Gebet für Roma in Zukunft landesweit erklingen wird.


Dr. Lajos Békefy, Gefängnispfarrer in Ungarn, 11. April 2011


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