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1.3 Charakter der Bibliothek
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Die Bibliothek hat bis heute ihren spezifischen Charakter bewahrt.
Sie ist keine kontinuierlich aktualisierte Sammlung, vielmehr setzt
sie sich aus sehr unterschiedlichen, ehemals privaten bürgerlichen
Bibliotheken des 16.-20. Jhs zusammen. Für das 16. Jh sind
die Bibliotheken des Theologen Albert Rizäus Hardenberg (1510-1574)
mit ca. 530 Titeln und die des Emder Bürgermeisters Petrus
Medmann (1507-1584) mit ca. 113 Titeln zu nennen. In ihrer gegenseitigen
Ergänzung stellen beide Bestände das geistige Rüstzeug
dar für die sich kirchlich wie politisch vom lutherischen Grafenhaus
emanzipierende und vom reformierten Protestantismus zunehmend dominierte
Stadt Emden. In den Folgejahren wird die Bibliothek keine größere
Erweiterung erfahren haben; nach 1578 wird über die Bibliothek
in den Kirchenratsprotokollen erst 1626 wieder verhandelt. Und erst
dann ist mit der Bibliothek des Theologen Friedrich Salmuth (1592-1625)
mit 620 Nummern (hschr. Verzeichnis ist erhalten; s. u. 3.) wieder
ein deutlicherer Zuwachs zu konstatieren. Der städtische Magistrat
kaufte diese Sammlung auf Bitten des Kirchenrates für die Kirchenbibliothek.
Dieser Ankauf entsprach ganz der noch engen Verflechtung von Stadt
und Kirche in der calvinistischen Stadtrepublik unter ihrem berühmten
Juristen und Syndicus Johannes Althusius. In diesem Zusammenhang
wird 1526 mit dem Emder Prediger Petrus Petrejus (1580-1646) auch
erstmals ein nebenamtlicher Bibliothekar bestellt, sowie eine nicht
näher bekannte Bibliotheksordnung erlassen. Petrejus hat sich
um die Vermehrung sichtlich bemüht, einzelne Erwerbungen wie
Plantins wertvolle achtbändige Polyglottenbibel (1568-1573)
oder Zwingers Theatrum mundi werden im Protokoll festgehalten. Die
Bibliothek mag zu dieser Zeit auf vielleicht 1 500 Titel angewachsen
sein. Der Ankauf der Salmuth-Bibliothek durch den Magistrat signalisiert
zugleich eine nun beginnende signifikante Verschiebung des Charakters
dieser Büchersammlung oben in der Großen Kirche: von
einer rein kirchlichen Predigerbibliothek hin zu einer öffentlichen
kooperativ verstandenen kirchlich-städtischen Bibliothek. Zwar
werden 1626 noch die Pastoren, die einen Schlüssel zur Bibliothek
erhalten sollen, als primäre Benutzergruppe angesprochen, aber
die dann eingeleiteten Maßnahmen zu einem geregelten Bestandsausbau
weisen hin auf die Ausweitung des Nutzerkreises. 1627 wird protokolliert,
daß die jeweils ausscheidenden Diakone ein Buch der Bibliothek
zuführen sollen. Mit dem städtischen Drucker Kallenbach
wird 1630 die Lieferung eines Pflichtexemplars "von ieglichen
büchern, die er trucken möge" vereinbart. Und 1635
schließlich wird mit dem Kriegsrat eine Bibliotheksabgabe
von 3 Gulden pro Kompanie festgesetzt; es blieb aber offensichtlich
bei einer einmaligen Zahlung. Als 'bibliotheca Emdanae' war ihr
Standort die Große Kirche, aber ihre Zielgruppe war die gesamte
Bürgerschaft der Stadt. So hat es deutlich auch der niederländische
Theologe Vedelius aus Utrecht wahrgenommen, der in den 1630iger
Jahren zu Besuch in Emden weilte und dieses zum Anlaß nahm,
seine Schrift gegen die Arminianer der Bibliothek zu verehren. Ein
Geschenk, das durch die handschriftliche Widmung des Autors auf
dem Titelblatt dokumentiert ist: Der von auswärts Kommende
schenkt das Buch der "bibliothecae Reipublicae et ecclesiae
Embdanae", als die sie ihm offensichtlich vorgestellt worden
war.
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1.5 Neue Bibliothek
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Diese Formulierung legt nahe, daß der Emder Syndicus Geldericus
Crumminga 1655 keine davon getrennte, neue Bibliothek begründen
wollte, als er seine umfangreiche Bibliothek der "Stadt Emden"
testamentarisch vermachte. Aber inzwischen war offenbar eine Entfremdung
zwischen Kirche und Stadt eingetreten. Trotz der längst bestehenden
Kooperation bei der öffentlichen Bibliothek in der Großen
Kirche beanspruchte der Magistrat die Bibliothek Crumminga. als eine
dezidiert nur ihm vermachte und stellte sie zunächst im städtischen
Fleischhaus auf. Eine 1664 vom Kirchenrat vorgeschlagene Zusammenführung
mit der vorhandenen Bibliothek wurde vom Magistrat entschieden zurückgewiesen.
Offensichtlich war dieser durch das Legat Crumminga motiviert, eine
eigene, rein städtische Bibliothek in Angriff zu nehmen, ein
Vorhaben, das er aber bald wieder aufgeben mußte. Denn nach
1685 sah sich der Magistrat doch zur Überführung der Bücher
in die Kirche genötigt, da der Große Kurfürst im Zuge
einer Besetzung Emdens auch das Gebäude, das die Crummingabibliothek
beherbergte, für sich reklamiert hatte. Die Bibliotheken wurden
mithin "gecombineert", und die kooperative Verantwortung
fand ihren Ausdruck im Schlüssel zur Bibliothek, den nun auch
der Magistrat erhielt. über den Umfang dieser Einzelsammlung
bestanden lange unzutreffende Vorstellungen, da nur knapp 80 Bücher
den Namenseintrag Crummingas enthalten. Erst 1984 konnte mit Hilfe
eines in Emden und der HAB Wolfenbüttel erhaltenen, 1674 in Emden
gedruckten Kataloges der größere Teil des heutigen Altbestand
als die noch weitgehend erhaltene Bibliothek des Emder Juristen Crumminga
identifiziert werden (s. u. 5). Allein durch die Crumminga-Bibliothek
mit ihren 3 750 Bdn bzw. 4 260 Titeln hat sich der Bestand mit einem
Schlag mehr als verdoppelt. Nach dem gescheiterten Versuch einer neuen,
rein städtischen Bibliotheksgründung knüpfte man wieder
an die Tradition einer gemeinsamen öffentlichen Bibliothek an,
wie der 1707 vom "bibliothecae inspector", dem ndl. Theologen
Gerhard Outhof, fertiggestellte und 1709 geschriebene hschr. Katalog
zeigt. Die Bibliothek firmierte nun unter der Bezeichnung "Bibliotheca
consistorialis, in usum ecclesiae et civitatis Embdanae". Outhof
verzeichnet in 4 Klassen 3 807 Nummern (Theologie 1 159, Philosophie
216, Historie und Philologie 1 221, Jurisprudenz 1 211) wobei Sammelbände
und mehrbändige Werke nicht aufgeschlüsselt werden. Zu diesem
Zeitpunkt bestand die Bibliothek im wesentlichen aus 4 Einzelsammlungen,
2 theologischen und 2 weltlichen, was hier meint, von politischen
Funktionsträgern herrührenden Buchbeständen, den Bibliotheken
von Hardenberg, Medmann, Salmuth und Crumminga. Noch im gleichen Jahr
wurde der Verkauf von Dubletten beschlossen, deren Anzahl nicht gering
gewesen sein kann, wie der Vergleich der Nummern beider Kataloge zeigt.
Mit der Neuaufstellung und Erfassung des gesamten Bestandes in ein
systematisches Verzeichnis verschmolzen die Bestände nun endgültig
zur Bibliotheca Emdana. Im 18. Jh blieb es bei der kleineren Büchersammlung
des Dr. jur. Adrian Meyer (gest. 1727), die den Bestand vermehrte,
und in der zweiten Jahrhunderthälfte geriet die Bibliothek offenbar
aus dem Blick. Noch gerade rechtzeitig konnte 1764 der Emder Stadtsyndicus
Oldenhove einen größeren Diebstahl früher Reformationsdrucke
aufdecken und die Bücher für "onze publijke bibliothec"
retten.
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1.5 Nach den Napoleonischen Kriegen
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Die Phase politischer Konsolidierung nach den Napoleonischen Kriegen
kam auch der Bibliothek zugute. Man beschloß eine neue Aufstellung
und Verzeichnung der Bibliothek, was längere Zeit in Anspruch
nahm, bis 1836 endlich das erste Heft des gedruckten Kataloges vorgelegt
werden konnte, in dem ausdrücklich daran angeknüpft wird,
daß "seit beinahe drei Jahrhunderten ... in unserer Vaterstadt
eine öffentliche Bibliothek vorhanden" sei, "deren
Aufsicht dem hiesigen reformierten Kirchenrath zusteht". Die
Neuordnung der Bibliothek zog auch wieder Bücherlegate nach sich,
wie das des Vierzigersekretärs und Kirchenältesten Diedrich
Bernhard Loesing (1779-1834) oder des Gutsbesitzers Johann Heinrich
Georg Wenckebach (1771-1854). Es handelte sich hauptsächlich
um Enzyklopädien und Lexika, historische Literatur, Reisewerke
und Atlanten, Philosophie, Jurisprudenz, schöngeistige Literatur
und Gebrauchsliteratur bürgerlicher Hausstände. Bücher,
die den Charakter einer allgemeinen öffentlichen Bibliothek unterstreichen.
Zahlreiche einzelne Bücher, mehrbändige Werke, Reihen und
Lexika zeichnen sich aus durch Geschenkeinträge Emder Bürger,
Zeichen breiter Akzeptanz und Förderung: das große Zedlersche
Universallexikon, Chatelains Atlas Historique, Amsterdam 1720-39,
in 4 Bdn. der Atlas maior von R. und J. Ottens, Amsterdam, 1725-50,
Homanns Atlas, der Historisch-Politische Atlas der ganzen Welt, Lpz
1744 ff, Bayles Dictionnaire, Basel 1741 ff, aber auch das niederländische
Pendant von Hoogstraten und Nidek, das Groot algemeen historisch,
geographisch ... Woordenboek, Amsterdam 1722-25 und in der späteren
Ausgabe 1732-33, Meyers Universum, Hildburghausen 1835 ff ebenso wie
Buffons Naturgeschichte Berlin 1771 ff in 7+28+22 Tln, sowie Büschings
Erdbeschreibung incl. der neuen Folge oder Nicolais Briefe die Neueste
Litteratur betreffend, 1761 ff, und die komplette Reihe der Allgemeinen
deutschen Bibliothek mit Anhängen in 158 Bdn, die Vaderlandse
Letteroefeningen, 1835-65 und der Boekzaal der Geleerde Wereld, 1826-63
mit dem Folgeblatt bis 1879. Auch G. van Loons Beschryving der nederlandse
Historipenningen, 'Gravenhaage 1723-31 war noch 100 Jahre später
ein würdiges Geschenk eines Emder Consuls. Bücher über
Gartenbau und Hundezucht, Haushaltung, Kochbücher und Volksmedizin.
Gesamtausgaben deutscher Literatur und immer wieder Geschichtsdarstellungen
und Reiseliteratur. Eine universal ausgerichtete öffentliche
Bibliothek, die ohne Zweifel die Aufgabe der allgemeinen Literaturversorgung
für die Stadt Emden und das weitere Umland wahrnahm, wie auch
die "Bestimmungen" der im 3. Heft des Kataloges veröffentlichten
Benutzungsordnung von 1852 zeigen: Der Bestand ist "iedem zugänglich",
primäre Zielgruppe sind "die Bewohner der Stadt Emden und
der Umgegend", für "Entferntwohnende und Ausländer"
gelten Sonderkonditionen. Schon 1836, im ersten Teil des gedruckten
Kataloges (Theologie), war programmatisch vorangestellt worden, daß
"eine unsere ersten und angelegentlichsten Sorgen" die "Vervollständigung
der ostfriesischen Litteratur und Geschichte" sei, womit die
Zielsetzung einer Regionalbibliothek sich deutlich abzeichnet. In
der Tat hält die Emder Bibliothek heute den wichtigsten Bestand
an landesgeschichtlicher Literatur Ostfrieslands. Der Ausbau der Bibliothek
wurde weiterhin forciert. Bei der Verauktionierung der umfangreichen
Bibliothek des Landesgeschichtlers Möhlmann 1865 konnten 180
Positionen ersteigert werden. Regelmäßig eintreffende Zuwendungen
und eigene Käufe sorgten nun für ein kontinuierliches Anwachsen
der Bibliothek, so daß 1876 und 1895 zwei Nachträge zum
gedruckten Katalog erschienen. Ein 1912 vom Kirchenrat angeregter
3. Nachtrag ist wohl des bald einsetzenden Krieges wegen nie erschienen.
Unter den vom frühen 20. Jh übernommenen Buchbeständen
ist die geschlossene Spezialsammlung des ostfriesischen Theologen
Goemann (1847-1919) hervorzuheben. 1930 zählte der Bestand ca.
20 000 Bde. Auch wenn die Theologie nun deutlicher als zuvor Schwerpunkt
der Neuerwerbungen wurde, blieb die Übernahme landesgeschichtlicher
Literatur eine wichtige Aufgabe. 1944 fiel die wertvolle Sammlung
des Landesgeschichtlers Prof Dr. Friedrich Nathanael Ritter (1856-1944)
an die Kirchenbibliothek und 1988 die von Dr. med. Johannes Stracke
(1908-1986), ebenfalls Landesgeschichtler und Vorsitzender der hiesigen
historischen Gesellschaft "Kunst". Mit diesen beiden Bibliotheken
wurde der regionalgeschichtliche Bestand weiterhin verstärkt,
während die Theologie 1988 bereichert wurde durch die Bibliothek
des reformierten Theologen Prof. Dr. Wilhelm Niesel (1903-1988). Die
bedeutendste Einzelsammlung seit Crumminga im 17. Jh wurde 1992 der
Kirchenbibliothek von dem Bonner Kaufmann Johann Philipp Janssen (1917-1993)
übereignet: eine bibliophile Sammlung von ca. 1 800 Drucken des
15.-20. Jhs.
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22.8.2001 / fas
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