| |
|
Von dem Aussehen der Großen Kirche vor ihrer Zerstörung
vermittelt das Gemälde "Innenraum der Großen Kirche"
von Adolf Fischer-Gurig einen guten Eindruck. Es zeigt den westlichen
Teil der Großen Kirche, der 1943 völlig zerstört
wurde. Zu sehen sind das Holztonnengewölbe, die weiß
gekalkten Wände, einer der drei Messingleuchter, dahinter die
nicht erhaltene, aus dem Erlös des Glockenverkaufs 1779 erworbene
Orgel von Johannes Friedrich Wenthin sowie der mit Grabplatten ausgelegte
Gang zwischen den Sitzbänken aus Holz.
Archäologische Grabungen, die die Stadt Emden vor dem Neubau
1990/91 im Bereich der Großen Kirche durchführen ließ,
legen nahe, dass bis zur Zerstörung der Kirche insgesamt elf
Bauphasen unterschieden werden können. Hinter dem Prallhang
der Ems entstanden zwischen heutiger Pelzer- und Schulstraße
im 9. Jahrhundert die ersten Häuser einer Handelssiedlung auf
einer bis zu sechs Meter hohen Warf mit einem Hafen im Mündungsbereich
der Ehe, dem heutigen Ratsdelft. Zu der Siedlung gehörte wohl
von Anfang an ein westlich gelegenes Bestattungsfeld. Es war auf
einer eigenen Warf angelegt und mit einer kleinen Holzkirche versehen.
Lediglich eine ausgegrabene Kreuzscheibenfibel aus der 2. Hälfte
des 9. Jahrhunderts zeugt von dieser frühen Nutzung. Die Reste
zweier massiver, über 400 Kilogramm schwerer Eichenpfosten,
die sich mit Hilfe dendrochronologischer Untersuchungen auf das
Jahr 966 datieren lassen, sind Bestandteil einer jüngeren Holzkirche,
die parallel mit der Vergrößerung Emdens entstand, als
sich die Bebauung verdichtete und sich die Siedlung nach Norden
ausdehnte.
Erst um 1200 wurde die Holzkirche durch einen gemauerten, zunächst
einschiffigen Backsteinbau mit Westturm ersetzt, dessen ehemaliger
Chorbereich zwischen modernem Querbau und der Schweizer Kirche anzusiedeln
ist. Das Gebäude wurde nach und nach umgestaltet zu einer dreischiffigen
Hallenkirche. Den vermutlich 1403 in einer Sturmflut beschädigten
Turm baute man an der Nordseite der Kirche wieder auf. Von diesen
Bauphasen der Kirche sind nur noch wenige Reste erhalten. Auch der
heutige Nordturm, dessen Spitze ganz Emden überragt, ist kein
Produkt jener Zeit, sondern Ergebnis eines Turmneubaus im Jahr 1861
an alter Stelle. Der Turm wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt,
sein Helm in den 60er-Jahren in anderer Gestalt wieder aufgebaut.
Bereits 1948 hatten befreundete reformierte Gemeinden aus der Schweiz
Geld zum Bau einer Notkirche zur Verfügung gestellt, die im
Westen anstelle der ausgeräumten Kirchenruine errichtet wurde.
Der Gottesdienst war damit gesichert, ein kompletter Wiederaufbau
der Großen Kirche aber unmöglich geworden. Ihre heute
noch sichtbaren Teile in der Bibliothek sind das Ergebnis mehrerer
Erweiterungsbauten im 15. und 16. Jahrhundert. Ulrich Cirksena,
Häuptling in Greetsiel und hamburgischer Amtmann in Emden,
ließ 1455 den Ostchor um zwei Joche verlängern. Er setzte
damit ein Zeichen dafür, dass er den Hamburgern die selbstständige
Herrschaft über die Stadt Emden abgetrotzt hatte. Noch vor
Beginn des 16. Jahrhunderts ließen seine Nachfolger an den
Chor im Norden und im Süden Kapellen anbauen, die dann zusammen
mit dem Chor nach Osten hin um weitere zwei Joche erweitert wurden.
Die Auswirkungen dieser ständigen An- und Umbauten sind noch
zu erkennen: Die beiden letzten Bögen sind deutlich niedriger
als die anderen, der Sockelbereich ist unterschiedlich gestaltet.
Im nördlichen Chor entstanden Trauchor und Sakristei, im südlichen
die Herrengruft der Grafen in Ostfriesland, zu denen die Cirksena
1464 aufstiegen. Diese Seitenchöre wurden um 1516/17 vom Hauptchor
und vom Hochaltar mit einem zierlichen Maßwerkgitter aus Sandstein
abgetrennt. Diese Gitter sind zerstört, ihre Ansätze in
den unteren Bereichen der spätgotischen Spitzbögen aber
noch deutlich zu sehen.
|
|
|