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Himmlische Geschlechtergerechtigkeit?

Unter allen Reformatoren ist der Zürcher Reformator Huldrych Zwingli derjenige, welcher die ausdrücklichste Marienlehre entwickelte. Als gewissermaßen der Mariologe unter den Reformatoren wehrte er sich leidenschaftlich gegen den Vorwurf, er habe Maria verunehrt oder geschmäht. So hielt er im Jahre 1522 „Eine Predigt von der ewig reinen Magd Maria“, in der er sein persönliches Vertrauen auf eine Ehrenstellung Marias im Himmel erklärte: „Ich traue auch fest darauf, dass sie von Gott erhöht sei über alle Geschöpfe der seligen Menschen oder Engel in der ewigen Freude“.
Ein paar Jahrhunderte später, in der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erlebte die katholische Marienfrömmigkeit eine Hochphase. Zahllose Marienerscheinungen wurden berichtet, wie 1858 in Lourdes (Frankreich) und 1917 in Fátima (Portugal). Diese Zeit wird daher auch als „Marianisches Jahrhundert“ bezeichnet.
Bereits 1870 schlugen einige katholische Bischöfe vor, die leibliche Aufnahme Marias (lat. Assumptio Mariae) in den Himmel direkt nach ihrem Leben in dieser Welt zur offiziellen kirchlichen Lehre zu machen. Dieses Thema bewegte die katholische Kirche in der Zeit vor 1950 intensiv und den Vatikan erreichte eine Flut von Bittschriften, in denen Tausende Katholiken aus aller Welt um die Festlegung dieser Marienlehre baten. 1942 veröffentlichten Wilhelm Hentrich und Rudolf Walter von Moos in einem zweibändigen Werk alle zwischen 1849 und 1940 dem Heiligen Stuhl angetragenen Petitionen für eine Definition der Assumptio Mariae. Das Erscheinen des Werkes löste eine neue Welle von Petitionen und Diskussionen über die Definierbarkeit der Lehre aus. Daher fragte Papst Pius XII. die Bischöfe der katholischen Weltkirche, ob die Assumptio Mariae zum Dogma erhoben werden solle, was diese in fast vollständiger Einmütigkeit bejahten.
Aufgrund dieser überwältigend deutlichen Reaktion definierte Papst Pius XII. vor 75 Jahren, am 1. November 1950, mit seiner Apostolischen Konstitution „Munificentissimus Deus“ („Der unendlich freigiebige Gott“) den Glaubenssatz, „dass die unbefleckte, immer jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen worden“ sei, „als Dogma des göttlichen und katholischen Glaubens“. „Die erhabene Gottesmutter“ erstrahle im Himmel „zur Rechten ihres Sohnes, des unsterblichen Königs der Ewigkeit (1 Tim 1,17), als Königin“.
Der 75 Jahre vor der Deklaration des Dogmas von der Assumptio Mariae als Sohn eines evangelisch-reformierten Pfarrers geborene Begründer der analytischen Psychologie C. G. Jung erachtet in seiner Schrift „Antwort auf Hiob“ eine „populäre Bewegung und deren psychisches Bedürfnis“ als „das unzweifelhaft mächtige Motiv“ für das Assumptionsdogma. Man habe „schon seit geraumer Zeit wissen“ können, „dass ein tiefer Wunsch durch die Massen“ gegangen sei, „die Fürbitterin und Mediatrix [Mittlerin zwischen den Menschen und Jesus Christus; Anm. d. Verf.] möge endlich ihren Platz bei der Heiligen Trinität einnehmen“.
Das neue Dogma beachte „die Zeichen der Zeit, die auf die Gleichberechtigung der Frau hinweisen“ würden. Diese Gleichberechtigung erfordere „ihre metaphysische Verankerung in der Gestalt einer ‚göttlichen‘ Frau, der Braut Christi“: „Wie man die Person Christi nicht durch eine Organisation ersetzen“ könne, „so auch nicht die Braut durch die Kirche“, vielmehr verlange das Weibliche „eine ebenso personhafte Vertretung wie das Männliche“.
Durch die päpstliche Erklärung, die für Jung „das wichtigste religiöse Ereignis seit der Reformation“ darstellt, hafte dem Protestantismus der Makel „einer bloßen Männerreligion, die keine metaphysische Repräsentation der Frau“ kenne, an. Der Protestantismus „täte gut daran, anzunehmen, dass mehr und Bedeutsameres [...] als päpstliche Willkür“ hinter der Deklaration des Dogmas stecke. Da er es sich nicht leisten könne, „gegenüber dem Zeitgeist starr und unzugänglich zu bleiben“, solle er sich fragen, „was nicht nur das neue Dogma, sondern alle mehr oder weniger dogmatischen Behauptungen jenseits ihres wortwörtlichen Konkretismus zu bedeuten“ hätten und sich „an die große Aufgabe einer neuen Interpretation der christlichen Traditionen“ machen.
Demgegenüber sieht Jung das katholische Assumptionsdogma als „in jeder Hinsicht zeitgemäß“ und in seiner Tragweite „nicht zu überbieten“ an.
Dabei sei darauf hingewiesen, dass sich in der katholischen Tradition die metaphysische Repräsentation der Frau nicht auf Maria als Mutter Christi beschränkt, sondern auch in weiblichen Bildern für den Heiligen Geist zeigt. So schreibt beispielsweise Caterina von Siena, der Heilige Geist sei „für die Gerechten [...] wie eine Mutter, die sie an der Brust der göttlichen Liebe“ nähre, und kümmere „sich wie eine Amme um ihren Leib und ihre Seelen“.
Das von Jung dem Protestantismus attestierte Desiderat einer metaphysischen Repräsentation der Frau wurde Jahrzehnte nach seinem Tod mit der in den Jahren 2001 bis 2006 von 52 Bibelwissenschaftler*innen mit meist protestantischem Hintergrund aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erarbeiteten „Bibel in gerechter Sprache“ zu füllen versucht. Diese Bibelübersetzung ergänzt die traditionell männlichen Gottesbilder durch weibliche, um so auf die Doppelgeschlechtigkeit oder Geschlechtslosigkeit Gottes hinzuweisen. So heißt es im Vorwort:
„In der Bibel in gerechter Sprache wird das weibliche Personalpronomen ‚SIE‘ hinzugefügt. Gott soll nicht auf ein Geschlecht eingeengt werden. [...] Bibelstellen wie Dtn 4,16–18 halten mit Entschiedenheit fest, dass Gott weder männlich noch weiblich ist. Eine Reihe weiterer Texte (Num 23,19; Hos 11,9) betonen ebenso entschieden, dass Gott kein Mann ist. Und wenn in Gen 1,27 der Mensch als Bild Gottes auf der Erde männlich und weiblich ist, kann Gott nicht männlich sein. Obwohl von Gott in der Regel mit grammatisch männlichen Formulierungen gesprochen wird, ist Gott und ihr/sein Bild weder männlich noch weiblich. Daran sollte sich auch unsere Sprache orientieren. Das Provozierende des biblischen Textes über die Gottesbildlichkeit wird vielleicht erst dann wieder wirklich wahrgenommen, wenn in der Übersetzung des Textes in Bezug auf Gott auch in grammatisch weiblicher Form geredet wird. ‚Da schuf Gott die Menschen als göttliches Bild, als Bild Gottes wurden sie geschaffen, männlich und weiblich hat er, hat sie, hat Gott sie geschaffen‘ (Gen 1,27).“
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Bibel in gerechter Sprache. Hrsg. von Ulrike Bail u. a. 4. Auflage der Taschenausgabe der 4., erweiterten und verbesserten Auflage. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2023.
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Caterina von Siena, Der Dialog. Gespräch mit Gott über seine Vorsehung. Vollständige Übersetzung von Claudia Reimüller. Hrsg. von Werner Schmid. Verlag St. Josef, Kleinhain 2017.
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Paul Cattin / Humbert T. Conus, Heilslehre der Kirche. Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals, besorgt von Anton Rohrbasser. Paulusverlag, Freiburg in der Schweiz 1953.
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Christophe Costi, Maria, wer bist du? Ein verblüffender Blick über den evangelischen Tellerrand. Fontis, Basel 2025.
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Hans Grass, Traktat über Mariologie. Marburger Theologische Studien 30. Elwert, Marburg 1991.
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Wilhelm Hentrich / Rudolf Walter von Moos, Petitiones de assumptione corporea B. V. Mariae in caelum definienda ad Sanctam Sedem delatae. Typis Vaticanis, Rom 1942.
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C. G. Jung, Antwort auf Hiob. 4., revidierte Auflage der Einzelausgabe. Rascher, Zürich/Stuttgart 1967.
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Heinrich-M. Köster, Die Mariologie im 20. Jahrhundert. In: Herbert Vorgrimler / Robert Vander Gucht (Hrsg.), Bilanz der Theologie im 20. Jahrhundert. Perspektiven, Strömungen, Motive in der christlichen und nichtchristlichen Welt. Band 3. Herder, Freiburg im Breisgau 1970, S. 126–147.
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Gottfried W. Locher, Inhalt und Absicht von Zwinglis Marienlehre. In: Ders., Huldrych Zwingli in neuer Sicht. Zehn Beiträge zur Theologie der Zürcher Reformation. Zwingli Verlag, Zürich/Stuttgart 1969, S. 127–135.
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Josef Neuner / Heinrich Roos, Der Glaube der Kirche in den Urkunden der Lehrverkündigung. 8. Auflage, neubearbeitet von Karl Rahner und Karl-Heinz Weger. Pustet, Regensburg 1971.
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Pius XII., Constitutio Apostolica „Munificentissimus Deus“. In: Acta Apostolicae Sedis. Commentarium officiale 42, 1950, S. 753–771.
Thomas Tews


