'Ich glaube an den Heiligen Geist'

Predigt mit Gedanken zum Apostolischen Glaubensbekenntnis


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Von Stephan Schaar

Liebe Gemeinde,

wir haben gerade miteinander das Apostolische Glaubensbekenntnis gesprochen und darin auch den Satz gesagt: “Ich glaube an den Heiligen Geist.”

Nun ist bekanntermaßen nicht jede Formulierung des Apostolikums in gleicher Weise verständlich und dazu geeignet, zum Ausdruck zu bringen, was jemand im 21. Jahrhundert glaubt. Das sagen wir besser mit eigenen Worten - allerdings mit dem Nachteil, dass wir dann keinen gemeinsamen Text mehr haben. Es geht aber gerade darum, wie bei einem Gelöbnis, sich auf denselben Wortlaut zu beziehen, auch wenn er interpretationsbedürftig ist.

Deswegen haben wir uns ja auch mit einer Auslegung beschäftigt, die sich darum bemüht, uns einen Zugang zu verschaffen zu Worten, die vor mehr als anderthalb Tausend Jahren gefunden wurden, um Gemeinsamkeiten zu markieren, auf die sich zwar nicht alle, aber die Mehrheit der Christenmenschen in der ausgehenden Antike einigen konnten.

Sie hatten wahrlich andere Probleme als wir und stellten auch ganz andere Fragen; ihnen ging es darum, Irrlehren abzuwehren, die heute nur noch Fachleuten bekannt sind. Sie haben damals, obwohl ein “Wir” gemeint ist, das Credo in der Ich-Form formuliert. “Ich glaube an...”

Wenn ich sage - das heißt, wenn ich nachspreche, was vor uns in Worte in gefasst worden ist -, wenn wir gemeinsam geradezu feierlich bekunden: “Ich glaube an den Heiligen Geist”, dann ist das eigentlich eine Art Selbstgespräch des Heiligen Geistes mit sich selbst, heißt es doch im Römerbrief, Kapitel 8: Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.

Wer das Bekenntnis ausspricht “Ich glaube”, der kann das nach biblischem Zeugnis nur tun, wenn und weil der Heilige Geist ihn oder sie dazu befähigt. Paulus schrieb an die Gemeinde in Korinth (12, 3): Niemand kann sagen: Jesus ist der Herr, außer durch den Heiligen Geist.
Die kollektive Formulierung ist mir eigentlich lieber. Denn wir reden ja in der Öffentlichkeit einer Gemeindeversammlung, vergewissern uns gegenseitig dessen, dass wir auf derselben Grundlage stehen, einen Glauben miteinander teilen, einen Gott und Herrn haben, eine Kirche sind.

Heute haben wir das Glaubenslied zwar nicht gesungen, aber bekannt ist es ja vermutlich doch. Wir hören die zweite Strophe:
Wir glauben Gott, den Heilgen Geist, den Tröster, der uns unterweist, der fährt, wohin er will und mag, und stark macht, was daniederlag.

In diesen wenigen Worten ist schon sehr viel enthalten von dem, worum es im dritten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses geht, das ja, wenn man es so sagen möchte, nichts anderes tut, als die zahlreichen in der Bibel begegnenden Aussagen über das Wirken des Heiligen Geistes - wir haben einige davon eben gehört - zusammenzufassen und zu verdichten.

Der Geist Gottes ist die Wirkmacht Gottes, die uns von außen begegnet, aber im Innersten ergreift - und in Verbindung bringt mit Gott.
Der Heilige Geist kann unsere Phantasie beflügeln, aber auch ins Gewissen reden und uns zurückhalten, er kann in Begeisterung versetzen und Mitleid wecken, er kann unser Urteilsvermögen schärfen und uns Milde walten lassen.

Der Heilige Geist kann uns Leben einhauchen, aber auch als Gegenwind im Weg stehen, wenn wir dabei sind, uns von Gott zu entfernen. Der Heilige Geist mahnt, tröstet, erleuchtet - und so weiter - nicht nur jeden einzelnen von uns, sondern er ist es, der Gemeinschaft stiftet; dazu kommen wir gleich. Zunächst möchte ich noch eine möglicherweise unscheinbare Formulierung des Glaubensliedes aufgreifen, weil in ihr das Wesentliche steckt: Der Heilige Geist, heißt es dort in Anlehnung an zahlreiche biblische Zeugnisse, fährt, wohin er will und mag.

Gottes Geist ist nicht unser Geist. Er ist frei und unverfügbar.
Er kann erbeten werden, durchaus. Aber eben: erbeten! Um es ganz deutlich zu sagen:  Er kann nicht anders als erbeten werden.
Er hilft uns auf, ja. Aber er macht nicht, daß wir uns selber helfen können, sondern er ist und bleibt der Geist Gottes.

Ich wurde mal von einem sehr frommen Freikirchler gefragt - ich denke, ich war damals Theologiestudent -, ob ich “den Heiligen Geist hätte”. Das musste ich verneinen. Ich “hatte” ihn gewiss nicht, auch wenn ich mich meinte glücklich schätzen zu können, dass er in meinem Leben schon spürbar geworden war. Der fromme Eiferer suchte mich zu überzeugen, indem er Bibelstellen bemühte, denen zufolge jemand, der glaubt - und das behauptete ich doch - den Geist empfangen habe, ihn nun also “habe”.

Wir konnten uns nicht einigen. Ich blieb dabei, ein Mensch zu sein, der auf Gott vertraut. Zugleich aber beharrte ich darauf - und tu es bis heute: Der Heilige Geist ist und bleibt der Geist Gottes. Er berührt uns wohl hie und da, so Gott will, er leitet uns und begleitet uns, wenn Gott unsere Gebet erhört. Aber er steht uns nicht zur Verfügung.

Hören wir nun die letzte Strophe des Glaubensliedes:
Wir glauben den Geist, der heilig insgemein lässt Christen Christi Kirche sein, bis wir, von Sünd und Fehl befreit, ihn selber schau’n in Ewigkeit.
Die Kirche Jesu Christi ist das Werk des Heiligen Geistes. Natürlich ist die Kirche, wie wir sie kennen, eine menschliche, eine allzu menschliche Einrichtung - und damit meine ich nicht nur, dass wir alle unsere Macken haben, inkonsequent und unzuverlässig sind. - Mit “den Heiligen”, die Paulus in seinen Briefen regelmäßig grüßen lässt, sind ja auch keine Säulenheiligen gemeint, keine durch und durch integeren moralischen  Supermänner und -frauen. Heilig heißen die Gläubigen in der Bibel aus dem einzigen Grund, daß wir als Christenmenschen zu dem Heiligen, zu Gott, gehören, dass wir um Christi willen zum Heil bestimmt sind.

Aber eben nicht um unseretwillen und auch nicht uns allein zugute.
Kirchesein heißt, die Botschaft der Liebe Gottes in Jesus Christus weitersagen und weitertragen, heißt, in der Liebe Gottes leben und andere merken zu lassen, dass das so ist.

Deswegen ist in meinen Augen Christsein in der Abgeschlossenheit einer klösterlichen Zelle vielleicht vorübergehend möglich, um sich ganz und gar auf Gott zu besinnen und neue Kraft zu gewinnen, neue Gewissheit. Aber ihm fehlt etwas Wesentliches - neben der durchaus vorhandenen Gemeinschaft von Glaubensgeschwistern gehört nämlich auch das öffentliche Zeugnis und der Dienst an den Menschen zum Wesen der Kirche, zum Kern des Christseins.

Woran erkennt man jene Kirche, die das Glaubensbekenntnis meint, jene Kirche, die keine Körperschaft Öffentlichen Rechts ist - oder zumindest nicht zwangsläufig sein muss -, sondern die geglaubte Kirche, von der wir hier reden?

Der Satz “Ich glaube...”, in dem zuerst der Heilige Geist genannt wird und dann “die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen” folgt, ist nämlich - entschuldigen Sie bitte die Spitzfindigkeit, aber sie ist bedeutsam - keine, “an” die geglaubt wird, sondern die Kirche, die geglaubt wird, die von Jesus Christus eingesetzte Ekklesia, die Bürgergemeinschaft Gottes, in die kein kirchliches Leitungsgremium einen aufnehmen kann, sondern nur Gott mittels des Heiligen Geistes Menschen zum Glauben rufen und zur Taufe einladen kann.

Jene Kirche also betreibt, wenn es die gesellschaftlichen Umstände erlauben oder sogar erfordern, womöglich Schulen und Krankenhäuser, Wärmestuben und Akademien. Das sind mitunter gute Werke zum Wohle vieler. Aber vor allem zeichnet sie sich dadurch aus, dass in ihr etwas zu spüren ist von der Erwartung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, die Gott verheißen hat. Sie tut gut daran, wenn sie - bei allem gebotenen Respekt gegenüber staatlichen Autoritäten - sich nicht dem Schema dieser Welt gleichstellt, wie Paulus mahnt, sondern durch ihr Reden und noch mehr durch ihr Handeln erkennen lässt, daß sie hungert und dürstet nach Gerechtigkeit und dass sie keinen anderen Herrn kennt und anerkennt als Jesus Christus.

Nicht, weil zeitgenössische Gesetzgebung gemäß dem herrschenden Zeitgeist Toleranz und Weltoffenheit verlangt, begegnet sie allen Kindern Gottes fair und freundlich, sondern weil in Jesus Christus selbst die schärfsten Gegensätze, die in einer Gesellschaft herrschen können, durchbrochen und überwunden sind: Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus, schreibt Paulus den Gemeinden in Galatien ins Stammbuch. Das ist aber keine Zustandsbeschreibung, sondern ein Arbeitsauftrag!

Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt, sagt Jesus zu den Seinen. Das heißt mit anderen Worten: Auf euch kommt es an! Laßt euer Licht leuchten vor den Menschen!, fordert Jesus seine Jünger:innen auf. Wenn ich sage: “Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen” und so weiter, dann ist das die Einwilligung in die Bestimmung, die Jesus Christus seiner Kirche und allen ihren Gliedern gegeben hat.

Dann geht es womöglich noch immer um die Frage, wie oft und wo die Gemeinde XY ihre sonntäglichen Gottesdienste feiert, und auch die leidige Verwaltung des Geldes spielt von dem Moment an eine Rolle, wo sich nicht nur zwei oder drei in Jesu Namen versammeln, sondern sich Strukturen gebildet haben und Verantwortung wahrzunehmen ist. Aber zuerst und zuletzt ist Kirche die Gemeinschaft der aus dieser Welt herausgerufenen - herausgerufen, ihrem Herrn Jesus Christus nachzufolgen in Worten und Taten.

Ohne Frage hat “die Kirche” im Laufe der Geschichte vieles falsch gemacht und Schuld auf sich geladen. Aber die Kirche - das sind ja nicht nur “die da oben”, die, jedenfalls in der Evangelischen Kirche, in ihr Amt gewählt wurden, um über Strukturen bestimmen, das Geld zu verwalten, Richtlinien zu erlassen. Gewählt wurden sie übrigens von ganz unten, den Gemeinden und ihren Leitungen, über die Kreissynoden und Landessynoden bis hinauf zur Synode der EKD. Gewählt wurden sie - oder zumindest hätte das so sein können und sollen - auch von dir und mir; die nächste Möglichkeit dazu besteht am 13. November bei den Ältestenwahlen.

Sag also nicht: “Die Kirche hat sich so sehr vom Volk entfernt, was habe ich denn noch mit denen gemein?!” Sag lieber: “Auch ich bin Kirche.” Denn für uns alle gilt, was ich mit einem Zitat aus dem ersten Petrusbrief sagen und damit dann zum Schluß zu kommen möchte: Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliges Volk, das Volk, das er sich zu eigen machte, damit ihr verkündet die Wohltaten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

Amen.

Vor der Predigt erfolgte eine Schriftlesung zum Thema "Heiliger Geist", mit folgenden Texten: Gen1, 1-2; Gen 2, 7; Jes 32, 15-17; Ez 36, 27-28; Joel 3, 1; Röm 8, 15; Gal 5, 19-23; Röm 14, 17.


Stephan Schaar