'Die Toten werden wieder leben'

Predigt zum Dritten Advent, Mt11, 2-6


Hans Multscher: Johannes der Täufer (Ausschnitt) © Wikimedia / Bayerisches Nationalmuseum in München

Von Stephan Schaar

Friede sei mit euch von dem, der da ist und der da war und der da kommt! AMEN.

Haben Sie es auch schon gehört, liebe Gemeinde, was man sich so erzählt?

Ein Raunen geht durch die Reihen - man kennt das ja aus den digitalen Medien: Irgendwo entsteht ein Gerücht. Jeder weiß, dass es nur ein Hörensagen ist. Aber es könnte ja etwas daran sein... Und überhaupt: Was “die da” uns als ihre Wahrheit präsentieren - die Nachrichtenmacher zum Beispiel: Ist das nicht auch nur eine subjektive Sichtweise aufs Leben? So denkt man heute. Jedenfalls viele von uns.

Ich komme damit noch immer nicht klar, denn ich habe von klein auf gelernt, dass es nicht genügt, Behauptungen aufzustellen. Man muss auch Beweise liefern, sich kritischen Anfragen stellen. Nur, wer dazu bereit ist und zu überzeugen versteht, verdient, dass man ihm oder ihr glaubt.
Heute genügt es vielen zu wissen, woher eine Nachricht kommt, um deren Plausibilität beurteilen zu können: Die eigenen Leute haben grundsätzlich recht, den anderen darf man nicht einmal dann vertrauen, wenn sie unbestreitbar Zutreffendes von sich geben.

Wie war das damals, als Johannes der Täufer eingesperrt wurde?

Wir erinnern uns: Laut dem Bericht des Matthäus hatte er nach seiner spektakulären Publikumsbeschimpfung am Ufer des Jordan nicht nur Zöllner und Sünder zur Buße geführt; auch der machtlose König Herodes zollte ihm heimlich Respekt und sperrte ihn zwar ein, traute sich aber nicht, ihn zu töten. Das wiederum war seiner machthungrigen Partnerin Herodias unheimlich; denn was Johannes von sich gab, hatte etwas Zwingendes und dadurch Bedrohliches - für Leute, die sich oben wähnten und also einen Umsturz zu fürchten hatten.

Johannes, der Wüstenfreak, hätte so gern seinen Frieden gemacht und wäre beiseite getreten für denjenigen, der nach ihm kommen sollte; am Jordan waren sie einander bereits begegnet.

Aber dann kamen ihm doch Zweifel: Ist dieser friedvolle Prediger der Liebe Gottes tatsächlich derjenige, der in der Kraft Gottes das Reich Israel wieder aufrichten würde? Wo war das Schwert des Gerechten, das die Römer das Fürchten lehrt?

Hier steigen wir ein in den Text, schlagen das elfte Kapitel des Matthäusevangeliums auf:

2Als nun der Täufer Johannes im Gefängnis von den Taten des Erlösers hörte, schickte er einige seiner Jünger zu ihm. 3;”Bist du der, den Johannes angekündigt hat”, fragten sie, “oder müssen wir auf einen anderen warten?” 4Jesus antwortete ihnen: “Geht zurück zu Johannes und berichtet ihm, was ihr gehört und gesehen habt: 5Blinde sehen, Gelähmte gehen, Leprakranke sind geheilt, Taube können hören, Tote sind wieder am Leben, und die Gute Nachricht wird denen verkündet, die brennend darauf warten. 6Glücklich, wer an mir nicht zweifelt!”

Sind es tatsächlich die Johannesjünger, die sich umschauen und dann einschätzen sollen, ob sie auf einen anderen warten sollen?
Glücklich, wer an mir nicht zweifelt!

Das sind doch wohl eher jene Christenmenschen, für die Matthäus sein Evangelium geschrieben hat: Menschen mit erkennbar jüdischem Hintergrund, wie man an den Eigenheiten seines Berichtes ermessen kann.

Ich nenne als Beleg den sehr steilen Einstieg in die Frohe Botschaft mit einem ersten Kapitel, das mit den Worten beginnt: “Jesus Christus ist ein Nachkomme Davids und Abrahams. Dies ist sein Stammbaum.” Und dann werden 42 Generationen aufgezählt bis hin zu Joseph, dem Mann der Maria, welche Jesus gebar.

Das ist keine Lektüre für Leute, die unterhalten werden wollen, sondern eine Beweiskette für Schriftkundige, die es zu überzeugen gilt, dass das Warten auf den lange Verheißenen jetzt ein Ende hat.

Nach den Berichten über die Taufe Jesu und die Berufung der ersten Jünger folgt in den Kapiteln 5 bis 7 die Bergpredigt, eine Zusammenstellung wichtiger Worte Jesu, die Summe seiner Lehre. Daran anschließend werden in den Kapiteln 8 und 9 zahlreiche Wunder Jesu geschildert, ehe im zehnten Kapitel die Aussendung der Jünger berichtet wird, gewissermaßen die Übertragung auf den Gemeindealltag der ersten Christenmenschen.
Abgefasst wurde dieser Text irgendwann im achten Jahrzehnt nach Christi Geburt.

Was es über Jesus, sein Leben und Wirken, zu wissen gibt, das ist damals längst bekannt. Aber nicht alle sind davon überzeugt, dass der Nazarener tatsächlich der Messias war. Erwartungen nach der ganz großen Zeitenwende blieben unerfüllt. Die Römer wurden mitnichten verjagt, sondern haben im Gegenteil den Tempel zerstört, das Land verwüstet, die Juden aus ihrer Heimat vertrieben.

Geht zurück zu Johannes und berichtet ihm, was ihr gehört und gesehen habt, sagt Jesus den Johannesjüngern; aber er scheint nicht darauf zu vertrauen, dass sie sich mit eigenen Augen überzeugen können, sondern sagt ihnen, was es zu sehen gibt: Blinde sehen, Gelähmte gehen, Leprakranke sind geheilt, Taube können hören, Tote sind wieder am Leben, und die Gute Nachricht wird denen verkündet, die brennend darauf warten.

Wenn das unübersehbar gewesen wäre, liebe Gemeinde, dann hätte es eines solchen Hinweises wohl kaum bedurft, ja, dann wäre sogar Herodes vor Ehrfurcht zum Glauben gekommen, statt den Kopf des Täufers auf einem silbernen Tablett servieren zu lassen.

Durchaus augenfällig ist, dass Johannes von Matthäus durchgängig als der Vorläufer des Messias dargestellt wird: Er predigt öffentlich und erregt dabei Anstoß, er wird eingesperrt, muss leiden und sterben. Hier allerdings enden die Parallelen.

Doch die an der Schrift geschulten Hörer:innen des Matthäusevangeliums sind auf diese Weise an Elia erinnert, dessen Wiederkunft im Judentum als Vorzeichen des kommenden Messias erwartet wurde und wird.

Nicht zufällig ist das Matthäusevangelium durchzogen von Schriftbeweisen - nun ja: zumindest Rückverweisen vor allem auf Worte des Propheten Jesaja. So etwa Jesaja 29, 18: Dann werden selbst Taube hören, was aus dem Buch vorgelesen wird, und die Blinden kommen aus ihrer Nacht hervor und können sehen.

Aber auch Jesaja 35, 5-6: Dann können die Blinden wieder sehen und die Tauben wieder hören.  Dann springt der Gelähmte wie ein Hirsch und der Stumme jubelt vor Freude. In der Wüste brechen Quellen auf und Bäche ergießen sich durch die Steppe.

Und ebenso Jesaja 26, 19: Herr, deine Toten werden wieder leben, die Leichen meines Volkes werden auferstehen! Ihr alle, die ihr in der Erde liegt, wacht auf und jubelt vor Freude! Du, Herr, bist wie der belebende Tau; darum gibt die Erde die Toten heraus.

Schließlich auch noch Jesaja 61, 1: Der Geist des Herrn hat von mir Besitz ergriffen. Denn der Herr hat mich gesalbt und dadurch bevollmächtigt, den Armen gute Nachricht zu bringen. Er hat mich gesandt, den Verzweifelten neuen Mut zu machen, den Gefangenen zu verkünden: “Ihr seid frei! Eure Fesseln werden gelöst!”

Dies ist es, liebe Gemeinde, was die Jünger des Johannes hören und sehen - und nicht etwa das, was auf den Straßen Judäas geschieht oder auch nicht. Sie HABEN gesehen, haben gelesen und also gehört, was verheißen ist, was Gott versprochen hat. Sie kennen die Zeichen, an denen man erkennt, was die Stunde geschlagen hat, wenn das Reich Gottes - wie Johannes predigte - nahe herbeigekommen ist und mit dem, der da kommt, anbricht.

Und wer das Matthäusevangelium bis hierhin gelesen hat, dem steht ebenfalls vor Augen, was gerade geschieht durch Jesu Worte und Werke. Auch wenn er nicht alle von sich überzeugen konnte und es sicher viele Leute gab, die vergeblich auf Heilung hofften; wenn man also - bei entsprechendem Willen - Gegenargumente finden konnte und sicher auch fand: Genauso gab es auch Zeichen, die darauf hindeuteten, dass der Messias gekommen und mit ihm das lang ersehnte Reich Gottes angebrochen ist.

Das ist lange her.
Gibt es - das ist doch unsere Frage - heute noch Spuren davon?
Über Jahrhunderte hinweg hat die Kirche selbstherrlich das Reich Gottes mit ihrer eigenen Existenz identifiziert, sich selbst glorifiziert und Zweifler mundtot gemacht oder gleich ganz aus dem Weg geräumt. Und heute - ist eine zaghafte, verunsicherte Kirche mit hausgemachten Skandalen konfrontiert und bringt nicht mehr die Kraft auf, Zeichen zu setzen und Orientierung zu geben.

Wie Kosmetik wirken Statements zur Sozialpolitik, zum Umgang mit Flüchtlingen und zu Fragen von Krieg und Frieden. Dann gibt es noch ein bisschen Diakonie sowie Krankenhäuser und Kindergärten, und das war’s dann auch schon.

Ach ja - das auch noch: gesegnet wird alles, was sich nach Liebe und Wärme sehnt in dieser kalten, egoistischen Gesellschaft - nur eben geht das nicht mehr einher mit der Wahrnehmung eines Wächteramtes; die Kirche ist zur Nachtwächterin mutiert.

Was die Leute auf der Straße heute sehen und hören, sind - immerhin - Wärmestuben und Schularbeitszirkel, kostenlose Kulturangebote und hier und da auch mal ein Friedensgebet.

Freilich: Wenige nur warten auf irgendwen, der da noch kommen mag. Diese Hoffnung ist für sehr viele gestorben. Es sei denn, wir beleben sie - mit Gottes Hilfe - neu und zeigen allen, die danach fragen, dass auch heute gilt, was Jesus den Johannesjüngern einst mit auf den Weg gab.

Man sagt, Armut tötet.
Man hört, ohne Abitur gibt es keine Zukunft.
Es heißt, wer nichts leistet, wird aussortiert.

Liebe Gemeinde: Es wird genug darüber lamentiert, dass immerzu alles schlimmer wird!
Manchmal braucht es gute Gerüchte, um wieder Kraft zu schöpfen - man denke an den vorgeblichen Radiobesitzer Jakob, den Lügner, der mitten in der Verzweiflung mittels seiner Phantasie einen Funken Hoffnung zu schlagen verstand mit zwar erfundenen Meldungen, aber eben solchen, ohne die man nicht länger durchzuhalten vermocht hätte.

Ich will keine erfundenen Erfolgsmeldungen, aber ich möchte, dass wir uns darum bemühen, die guten Nachrichten, die es tatsächlich gibt, zu finden und zu verbreiten: Blinde sehen - nicht per Wunderheilung, aber indem Leute ihre Augen öffnen, statt immerzu  wegzuschauen und sich wegzuducken. Gelähmte lassen sich nicht länger sedieren, sondern geraten in Bewegung, zumal sie spüren, dass sie nicht allein unterwegs sind. Deshalb sind sie so laut, dass selbst den für Gottes Wort Tauben die Ohren gellen.

Die man gesellschaftlich ausgrenzt, werden einbezogen, und auch die Toten werden nicht einfach still und leise unter die Erde gebracht, sondern sie melden sich zu Wort, bleiben im Gespräch - all die Getöteten der Kriege und Katastrophen werden weder von Gott noch von den Menschen vergessen.

Allen vermeintlichen Verlierern wird die Frohe Botschaft weitergesagt: Es gibt eine Alternative! Leben ist möglich, das Himmelreich kommt auf dich zu, und du bist eingeladen, daran teilzuhaben. Glücklich, wer daran nicht zweifelt!

Amen.


Stephan Schaar