''Freunde, dass der Mandelzweig...''

Eine Liedpredigt und Hommage an Schalom Ben-Chorin


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Der blühende Mandelzweig: ein zartes Zeichen der Hoffnung mitten in Leid und Verzweiflung. In der Predigt über Schalom Ben-Chorins Lied entdecken wir, wie Gottes Treue und die bleibende Liebe selbst in dunkelsten Zeiten aufleuchten.

Liebe Gemeinde,

ich liebe mein Duschbalsam: „Mandelblüte hautzart“. Schon der Geruch – hmm! Ich weiß noch, wie ich im Geschäft stand und den Deckel von sämtlichen Duschgels im „Edeka“ öffnete, um jeweils eine Schnupperprobe zu nehmen. Ich erntete schon böse Blicke. Doch da war dann dieser betörende Duft der Mandelblüte, der mir mit einem Atemzug meine quälende Frage beantwortete, welches Duschgel es denn sein soll.

Nicht wahr, geht es Ihnen auch manchmal so? Bei besonders intensiven Geruchserlebnissen habe ich bisweilen das Gefühl, nicht mit den Augen, sondern mit der Nase zu sehen. Und so ging es mir auch damals bei meiner Erstbegegnung mit dem Duschbalsam „Mandelblüte hautzart“. Ich sah ihn vor mir, den Mandelbaum, wie er sich „in Blüten wiegt“ – wunderschön! Lauter kleine Mandelzweige besetzt mit vielen kleinen weißen und zartrosa-farbenen Blüten. Ein bisschen erinnerten mich die Blüten von Größe und Aussehen an einen blühenden Kirschbaum im Frühling, doch mit dem Unterschied, dass mein Mandelbaum noch viel, viel schöner war.

Ja, ich kann es schon verstehen, dass unser Gesangbuchlied1, um das es heute in dieser Predigt gehen soll, den Mandelzweig erwählt und sein Blühen und Treiben heranzieht – als Hinweis, als Zeichen, als „Fingerzeig“ dafür, „dass die Liebe bleibt“:

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Was anmutet wie ein mediterranes Frühlingslied, gewissermaßen wie eine israelische Variation von „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus“, hat jedoch einen ganz anderen, einen sehr ernsten Hintergrund. Der jüdische Theologe Schalom Ben-Chorin hat es gedichtet. Es wurde in den 1980er Jahren von Fritz Baltruweit vertont, der einige Zeit nicht weit von hier in Garbsen, dann in Loccum und später in Hildesheim wirkte und heute noch als Liedermacher aktiv ist. Schalom Ben-Chorin wurde 1913 in München als Fritz Rosenthal geboren. Er verbrachte seine Jugend an der Isar.2 Nachdem er als Jude in Deutschland massiven Anfeindungen ausgesetzt war, emigrierte er 1935 nach Jerusalem, wo er 1999 in hohem Alter starb.

Im Jahr 1942 schrieb er dieses Lied, also nicht einfach nur mitten im 2. Weltkrieg, sondern im Jahr der Wannseekonferenz, als der Holocaust, die Vernichtung des europäischen Judentums, von hochrangigen Vertretern der nationalsozialistischen Reichsregierung und der SS-Behörden beschlossen wurde. Schalom Ben-Chorin musste aus der Ferne miterleben, wie seine jüdischen Schwestern und Brüder industriell vernichtet wurden. Er hat mit diesem Gedicht gegen die Verzweiflung angeschrieben. Schalom Ben-Chorin fragt: „Muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt?“3

Wenn in diesem Lied von dem „Blut, das schreit“, von „der „trüben Zeit“, von den „Tausenden, die der Krieg zerstampft“ und schließlich von „einer Welt, die vergeht“, die Rede ist, so nimmt es die furchtbaren Erfahrungen des Weltkrieges und des Holocausts bzw. der Shoa auf.

Dass das Leben nicht verging,
Soviel Blut auch schreit,
Achtet dieses nicht gering,
In der trübsten Zeit.

Tausende zerstampft der Krieg,
Eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg
Leicht im Winde weht.

Der blühende Mandelzweig wird für Ben Chorin in dieser „trübsten Zeit“ zum Hoffnungszeichen. Die zartrosa und weißen Blüten der Mandelbäume sind in Israel die ersten Boten, die den Frühling ankündigen und zwar bereits Anfang des Monats Februar.4 Schalom Ben-Chorin hatte direkt vor seinem Haus einen Mandelbaum stehen. Es muss wohl so gewesen sein, dass er eines Morgens überrascht wurde von seinem in vollem Blütenornat stehenden Mandelbaum, als er vor das Haus trat. Dieser Anblick muss etwas in seiner Seele angerührt haben. Der blühende Mandelbaum ist ihm zum Hoffnungsbild geworden – zum Bild dafür, dass – wie es im Lied heißt – „die Liebe bleibt“ und „das Leben siegt“. So lautet denn auch der Schluss des Liedes:

Freunde, dass der Mandelzweig
Sich in Blüten wiegt,
Bleibe uns ein Fingerzeig,
Wie das Leben siegt.

Doch bleiben uns, liebe Gemeinde, diese Worte nicht im Halse stecken? Ich meine nicht nur aktuell angesichts des Gaza-Konfliktes und des 7. Oktobers 2023. Bereits Schalom Ben-Chorin wurde Zeuge davon, wie 6 Millionen Jüdinnen und Juden in den Gaskammern von Auschwitz, Treblinka und Majdanek vernichtet wurden. Hat das Leben damals wirklich gesiegt – wie es in dem Lied heißt? So fragen wir. Es mag sein, dass Nazi-Deutschland den Krieg schlussendlich verlor und die Vernichtungslager befreit wurden. Gott sei Dank! Doch die furchtbare Bilanz von Krieg und Vernichtung und der bis heute scheinbar nicht aus der Welt zu schaffende Antisemitismus werfen die Frage auf, ob nicht doch statt des Lebens eher der Tod siegt und statt der Liebe nicht vielmehr der Hass bleibt.

Kann uns das Bild vom blühenden Mandelzweig darüber hinwegtrösten? Ist es nicht ein „billiger Trost“ zu sagen: Kopf hoch, nach dem Winter kommt doch der Frühling – die Blätter fallen, aber sie kommen auch wieder? Man muss aufpassen, hier nicht zum Zyniker zu werden, der das Lied von Schalom Ben-Chorin bissig, höhnisch und bösartig mit viel verletzendem Spott kommentiert.

Eine theologische Tiefenbohrung kann uns vielleicht dabei helfen, gerade nicht zum Zyniker zu werden. Wenn wir uns fragen, welchen biblischen Zusammenhang Schalom Ben-Chorin, der ja ein ausgezeichneter Bibel-Kenner war, mit dem Mandelbaum-Motiv vor Augen hatte, so dürfte es wohl die Berufungsgeschichte des Propheten Jeremia gewesen sein. In Jeremia 1,11 und 12 heißt es: Das Wort des Herrn erging an mich: Was siehst du, Jeremia? Ich antwortete: Einen Mandelzweig. Da sprach der Herr zu mir: Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus.“

Liebe Gemeinde, wenn wir uns fragen, worauf der Mandelzweig als „Fingerzeig“ hier verweist, so ist es mitnichten der Wechsel der Jahreszeiten, das Kommen und Gehen der Blätter, also der Verweis auf das Changieren von guten und schlechten Zeiten. Gott selbst verweist Jeremia vermittelt über das Bild des Mandelzweigs auf sein eigenes Handeln: Der Herr wacht über sein Wort.5 Gott selbst sorgt dafür, dass sein Wort wahr wird.6 Gott selbst macht wahr, was er verheißen hat. Gott selbst hält, was er verspricht, auch dann, wenn wir dies nicht sehen und nicht fühlen: „Wenn ich auch gleich nichts fühle / von Deiner Macht, / du führst mich doch zum Ziele / auch durch die Nacht.“7

Möge dies auch im Blick auf Israel gesagt sein. Ja, wenn wir dem Juden Paulus glauben dürfen, so ist dies tatsächlich der Fall. Denn er spricht sehr deutlich im 11. Kapitel des Römerbriefes von der Errettung ganz Israels (Röm 11,26). Gegen allen Augenschein erweist sich Gott gegenüber seinem bleibend ersterwählten Volk als treu: „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen“ (Röm 11,29). So Paulus. Der Reformator Johannes Calvin bringt auf den Spuren des Paulus in seiner Auslegung des 150. Psalms seine Vorfreude darauf zum Ausdruck, dass er dereinst mit Israel und allen Engeln zusammen im Himmel das ewige, das „Große Halleluja“ singen darf.8 Um es auf den Punkt zu bringen: Gottes „Endlösung der Judenfrage“ sieht gänzlich anders aus als diejenige Adolf Hitlers. Gottes endzeitliche Errettung seines Volkes bildet die entschiedene Antithese zum Beschluss der Wannseekonferenz im Januar 1942. Warum Gott indes Auschwitz zugelassen hat, diese Frage konnte und kann Schalom Ben-Chorin niemand beantworten.

Liebe Gemeinde, Schalom Ben-Chorin war ein tiefgläubiger Jude. Obwohl er Grund genug gehabt hätte, an Gott zu verzweifeln, hat er an Gottes Wort festgehalten. Gott wird allen Menschen und auch seinem Volk Israel seinen Schalom, seinen Frieden schenken, davon war er überzeugt.9 Deswegen hat er auch diesen neuen Namen gewählt: Schalom Ben Chorin – das bedeutet, wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt: „Friede, Sohn der Freiheit“. Er wollte dem Frieden und der Versöhnung dienen und hat sich früh für den jüdisch-christlichen Dialog eingesetzt.10 So war er 1961 Mitbegründer der AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.11 Zusammen mit seiner Frau leitete er auch die erste offizielle Delegation von Jugendlichen aus Israel, die Deutschland nach dem Krieg besuchten, und er legte damit den Grundstein für den deutsch-israelischen Jugendaustausch.

Für Schalom Ben-Chorin war Jesus von Nazareth nicht nur ein Menschenbruder, sondern sein jüdischer Bruder.12 Schalom Ben-Chorin hat viel dafür getan, dass wir als Christinnen und Christen die jüdischen Wurzeln unseres christlichen Glaubens wiederentdecken konnten und können. So ist Schalom Ben-Chorin für uns zu einer Art „Fingerzeig“ geworden – auch und gerade dafür, dass es sich auch heute trotz aller Spannungen und Fremdheit lohnt, gegen den Augenschein für Frieden und Versöhnung auch zwischen tief verfeindeten Menschen einzutreten. „Freunde“ – mit dieser Anrede beginnt das Lied, das auch auf Schalom Ben-Chorins Trauerfeier in Jerusalem erklang. Er spricht uns damit über seinen Tod hinaus an und möchte unsere Augen und unsere Herzen dafür öffnen, dass Gott seine Verheißungen wahrmacht. Deshalb und nur deshalb ist das Leben stärker als alle Mächte des Todes.

Freunde, dass der Mandelzweig
Wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig,
dass die Liebe bleibt?

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, Amen.


1 Siehe Evangelisches Gesangbuch (EG). Ausgabe für die Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Niedersachsen und für die Bremische Evangelische Kirche, Nr. 620.

2 Vgl. Schalom Ben-Chorin, Jugend an der Isar, München 1974.

3 Zit. nach Christian Feldmann, Schalom Ben-Chorin: „Jesus ist mein jüdischer Bruder“. Vor 100 Jahren wurde der Religionswissenschaftler Schalom Ben-Chorin geboren (20.7.2013), unter: https://www.evangelisch.de/inhalte/86683/20-07-2013 (abgerufen: 2.11.2025).

4 Vgl. Peter Riede, Art. Mandel / Mandelbaum (erstellt: Dezember 2016), unter: https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/mandel-mandelbaum (abgerufen: 2.11.2025).

5 Treffend Georg Fischer, Jeremia 1–25 (HThKAT), Freiburg i. Br. u.a. 2005, 138: „Das Sehen des Mandelzweiges ist nicht bloß irgendeine unbedeutende Wahrnehmung, sondern es ist sichtbares Zeichen für eine göttliche Haltung: Gott ist aufmerksam, engagiert wachend, sein Wort umzusetzen.“

6 Vgl. Axel Graupner / Rosemarie Micheel, ZuMUTungen. Sieben Texte aus dem Buch des Propheten Jeremia, Texte zur Bibel 23, Neukirchen-Vluyn 2007, 40: „Die Vision [scil. Jeremias; M.H.] ist verbum externum. Alle Versuche, das visionäre Erleben Jeremias (traum)psychologisch oder als Einkleidung politischer Analyse zu deuten, bleiben hinter dem Text zurück, ja treten – gelegentlich ohne es zu bemerken – in Widerspruch zu ihm. Der Text bezeugt ein Geschehen, das den Propheten von außen trifft. Die Zukunftsgewissheit entspringt nicht dem inneren Erleben Jeremias oder seiner politischen Weltsicht, sondern einem Offenbarungsgeschehen.“

7 EG 376,3 („So nimm denn meine Hände“).

8 Johannes Calvin zu Ps 150,6: „Durch diese Weissagung sind wir in dieselbe Symphonie mit den Juden verbunden worden, damit Gott unter uns durch beständige Lobopfer geehrt werde und wir, im himmlischen Reich versammelt, zusammen mit den auserwählten Engeln das ewige Halleluja singen.“ CR 60,442. Eigene Übersetzung.

9 Dieser Absatz ist in Anlehnung an die Andacht von Mechthild Alber (siehe Anm. 1) formuliert.

10 Vgl. Schalom Ben-Chorin, Weil wir Brüder sind. Zum christlich-jüdischen Dialog heute, Gerlingen 1988.

11 Vgl. Schalom Ben-Chorin, Im jüdisch-christlichen Gespräch, Berlin 1962.

12 Vgl. Schalom Ben-Chorin, Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht, München 1967.


Marco Hofheinz